Prag, Wien und Venedig: die 3 M, K31-A3
Autor: Werner DePauli Schimanovich

Um Missverständnissen vorzubeugen: M ist hier keine Abkürzung für Metropolen oder Musik, und 3 M sollte auch unterschieden werden von „3M“, dem bekannten Erzeuger von Overhead Projektoren. Die 3 M sind schlicht und einfach 3 verschiedene Eigenschaften, die mit M beginnen.

Prag ist und bleibt ein Monument, das jeder liebt, doch niemand kennt. Der Hradschin thront monumental über der Moldau. Die alten Bauten im Zentrum mit ihren überkandidelten Türmen sind Denkmäler in Raum und Zeit: aber in einem Raum der zerfließt und sich im Nichts verläuft, und in einer Zeit die steht und nicht vergeht. Denkmäler sind tote Bauwerke, die von einer großen Vergangenheit zeugen, aber keine große Zukunft haben.

Nicht nur der jüdische Friedhof ist so ein Zeugnis des Todes, das mit Rabbi Lev und seinem Golem nur ein künstliches (in vitro befruchtetes) Leben erzeugt. Sogar Bedrich Smetanas monumentale Moldau (Vltava, 2. Teil von Ma Vlast [Mein Heimatland]) erinnert schmierig an Friedrich Schillers Taucher: „Herr Kenig, do obe geh I nimmermehr, selbst wenn die Moldau aus Povil wär!“ (Im Anhang findet man ein entsprechendes Lied!) Auch Prags Frauen sind monumental: „Ja so manches Schätzchen ist ein Schmeichelkätzchen, das mit Sametpfötchen dich umhüllt. Aber wie entsetzlich, wenn man später plötzlich Bärentatzen an sich fühlt.“ (Bedrich Smetana wusste das genau.)

Doch dieses Monument Prag ist noch nicht ganz so tot, für wie man es halten könnte, denn nicht umsonst sind dort die meisten Taschendiebe Europas, wenn nicht gerade Festspiele in Salzburg sind. Auch leben zirka 20.000 amerikanische Hippies in Prag, was immer ein positives Zeichen dafür ist, dass es noch Leben in diesen toten Mauern gibt. Und neuerlich haben uns die Tschechen sogar damit überrascht, dass sie mit Teutscher Hilfe nun schöne und technisch ausgereifte Autos bauen, was der neue Schkoda zeigt. Außerdem hat Prag auch eine schöne U-Bahn, was ebenfalls ein starkes Lebenszeichen ist. In seiner Summe überwiegt in Prag jedoch das Moment der Erstarrtheit, angefangen mit König Ottokar von Pschemisl, über Rudolf II. mit seiner Kunstsammlung, bis hin zu Jan Masaryk und Eduard Benesch, den beiden Staatsgründern der Tschechoslowakei.

Wien, Wien, nur du allein, bist ein Museum so lieb und fein! (Im Anhang findet man dieses Lied!) Denn Wien bleibt Wien: nämlich die geriatricophilste Stadt Europas! Seine Einwohner (überwiegend Senioren, Pensionisten, Rentner und sonstige krachloide Lebensformen) konservieren diese Stadt zum Museum, wo jedes urbane Leben sofort im Keim erstickt wird. (Jugendliche sieht man in Wien nur dann, wenn zufällig Frere-Jaques Roger wieder einmal sein Taize-Treffen dort abhaltet.)

Man kann in Wien noch immer überall den süßlichen Geruch der Dekadenz der sterbenden Monarchie verspüren, in welcher die Wiener noch heute zu leben glauben. „Zserst die Weana, dann de Bem!“ Das gilt auch heute noch immer in diesem Land. Und es ist auch der einzige Grund dafür, weshalb die Österreicher mehrheitlich für die EU gestimmt haben: Nicht weil sie Sehnsucht nach dem Westen oder Europa hatten, auch nicht weil sie heim ins Reich wollten, sondern nur weil es für die Weana undenkbar ist, zusammen mit den Bem in einer Reihe als Bittsteller antreten zu müssen. Nun können sie sich den Ostvölkern als gnädige Fürsprecher präsentieren.

Wenn in Wien ein Haus neu gebaut werden soll, kopiert man lieber ein altes Gebäude nach Originalplänen als eine neue Architektur zu wagen, wie das etwa in London, Paris oder Berlin so üblich ist. Der museale Charakter Wiens muss strikt erhalten bleiben! Das fing hauptsächlich mit den Ringstraßen-Bauten an und hört bei einigen Nachkriegs-Gebäuden auf, denen das unkundige Auge meistens seine Jugend gar nicht ansieht (etwa wie beim Hotel Merriot). Das Wiener Architektur-Prinzip ist die Kopie der Kopie. Wien ist eben anders!

Es gibt jedoch eine große Ausnahme von diesem Prinzip: nämlich das Kaschperl-Design, das die Japaner so überaus bewundern, welches jedoch in Wahrheit eine verschandelte Raubkopie (oder vielleicht besser Metastase) von Antoni Gaudis wirklich genialer Schöpfung ist. Gemeint sind damit in erster Linie das Stowasser-Haus, die Zwiebelturm-verzierte Müllverbrennung und das Girlanden-Schiff am Canale Grande de Danubio.

Zu diesen kindlichen Bauwerken passt auch in etwa der Christkindlmarkt vor dem Rathaus (= der größte Friedhof Wiens, denn dort ruhen 3.000 Beamte). Die mit leuchtenden Herzen, mit Lametta und Luminarien verzierten Bäume des Rathausparks, sowie das Landmann-Haus als projizierter Adventkalender, ergänzen dieses Öko-Brimbarium des Wiener Kasperltheaters. Wir Wiener bleiben eben für ewig Kinder („Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht eingehen ins Himmelreich!“) und wir werden schon als Kinder zur Realitätsverweigerung erzogen!

Venedig ist jedoch sogar ein Mausoleum, überall umspült vom dahinsiechenden Tod. (Thomas Mann ist hier omnipräsent!) Wiens süßlicher Geruch der Dekadenz verdichtet sich in Venedig und steigert sich zum pestialischen Gestank der Degeneration! Die modernden Pfähle der Dogen-Paläste nähren die Erwartung, dass Venedig (wie einst das Haus von Usher) in Bälde im Meer (oder im Boden) versinkt, so wie die rote Sonne bei Capri. (Entsprechendes Lied: siehe Anhang!)

Doch die Welt-Kultur-Gemeinschaft wird Venedig retten, und es wird uns daher noch lange als schönstes Mausoleum der Welt erhalten bleiben. Venedig ist nicht Atlantis, und die Lagunen sind kein Ersatz für den Ozean! Immerhin sind Venedigs Bauten echt und keine Kopien. Und dass nun ihre Zeit zum Sterben gekommen ist (Briaderl kum, deine Stunden san um), dafür kann Venedig ja wirklich nichts dafür, (Es war ja nicht für die Ewigkeit geplant. Nur sein Spruch wird überleben: „Veneziani: gran Seniori! Padovani: gran Dotori! Vincenzani: mangan gatti. Veronesi: tutti matti!“)

Monument, Museum und Mausoleum, das sind die 3 Symbole für Erstarrung, Dekadenz und Degeneration, die uns so faszinieren! Denn wir fühlen instinktiv, dass nur aus der Krankheit der geistige Fortschritt herauskommt. (Deshalb lieben wir auch den Stephen Hawking so sehr!) Denn unser Credo lautet: KREATIVITÄT = GEISTIGE INKONTINENZ!

Dass der Wahnsinn sich rasch mit dem Genie paart, wissen wir schon längst von den großen Künstlern und Gelehrten. (Gefährlich ist es jedoch, überall auch gleich ein Genie zu wittern, wo sich nur der leere Wahn breit macht.)

Aus diesem Grund ist die von mir gewählte Charakterisierung der 3 Städte Prag, Wien und Venedig nichts Negatives, denn ich verstehe sie als Wiege und Wurzel von Kunst und Kultur. Berlin, London und New York sollen ruhig weiterhin die Motoren der Zivilisation bleiben. Das ist eben die moderne Arbeitsteilung: Jeder macht seinen Job!

Anhang

Prag, das Monument
(Melodie: Die Moldau und Fidler on the Roof)

Die Moldau ist wie Povil zuckersiß,
drum trinken wir sie nur verdünnt mit Wein und Grieß.
Und Prag, das ist ein Monument so hart wie ein Stein.
Doch seine Bauten, die sind alle noch viel zu klein,
o süß und so klein, so fein und gemein, allein, zu zwein, zu drein, …….
Der Hradschin majestetisch oben trohnt,
und jeder der dort hin geht, der wird belohnt.
Doch wenn die Zuckerhütchen-Türme tanzen mal gehn,
dann ists um unser schönes Prag damit schon geschehn!
Um Prag ists geschehn. Das ist ein Versehn. Aus Lehm, bleib stehn, mal zehn! Das will ich sehn!

Einmal wird der Golem dann wieder von den Toten auferstehn,
und dann wirds in Prag so wie früher und alles wird schen.
Unser Rabbi Lev wird dann tanzen und mit ihm die ganze Stadt,
weil ganz Prag ein goldnes Herzlein hat!
Ja, ja, die Moldau ist aus Povil!
Dubi dubi dubi, dubidubi dum.
Und drum dreht sich alles nach ihr um.
Dubi dubi dubi dubi dum! Ahoi! 

Wien, das Museum!
(Melodie: Wien, Wien, nur du allein.)

Wien, Wien, nur du allein, bist ein Museum so lieb und fein!
Wenn die Turisten dich ansehn, brauchen sie nicht ins Museum gehn.
Wien, Wien, nur du allein, bist schon so alt wie ein Altersheim!
Denn deine Jugend, die ist schon dahin, in Wien, in Wien mein(em) Wien.

Mein Herz und mein Sinn schwärmt stets nur für Wien, für Wien wie es weint, wie es lacht.
Die Tanten, sie tanzen Tango zu zweit, bei Tag und noch mehr in der Nacht.
Und jeder wird kalt, weil er schon zu alt, bis dass ihn der Tod dann derrennt.
Sind sie einmal fort von dem schönen Ort, dann hat auch ihr Leben ein End!
Dann hör ich aus weiter Ferne ein Lied. Das singt, das lacht, das jauchzt und klingt:
Wien, Wien, ……..

Der Tod von Venedig!
(Melodie: Die Capri-Fischer)

Wenn Venedig mit seinen Dogen im Meer versinkt,
und das Wasser des Canal Grande zum Himmel stinkt,
ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,
und sie fangen verfaulte Fische fürn Abendschmaus.
Nur die Menschen: sie weinen Tränen um die Kultur,
doch sie schimpfen sie mit den Worten der Pompadur.
Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt:
Venedig stirbt, weil es stinkt!

Bella, bella, bella Marie,
bleib mir treu, ich kehr zurück morgen früh!
Bella, bella, bella Marie,
vergiss mich nie!
Seh den Turm vom Dom, draußen auf dem Meer!
Doch wer kennt ihn schon, den Markus-Dom? Es gibt ihn lange nicht mehr!
Seit der großen Flut, die tat ihm nicht gut,
ist er dann versunken, wie betrunken, voller Glut!
Wenn Venedig mit seinen Dogen im Meer versinkt, …..

1. Jänner 1998